2008 gab es bei mir ein Schlüsselerlebnis, das mich ganz gewaltig zum Nachdenken brachte.
Wir begleiteten die Mutter meines Lebenspartners noch einmal in ihre alte Heimat, aus der sie mit 10 oder 11 Jahren vertrieben wurde. Obwohl sie noch ein Kind war als sie mit ihren Eltern die alte Heimat verlassen musste, sehnte sie sich danach und wollte wieder hin.
Aus ihren Erzählungen dachte ich, dass sie sich im gesamten Ort gut auskannte, dass sie noch jedes Haus, jeden Hof und auch die über dem Ort thronende Burg gut kannte. Als ich sie aber dort sah, wie sie krampfhaft versuchte sich an das eine oder andere zu erinnern, als sie die Kirche betrat in welcher sie getauft wurde, zur Erstkommunion ging, den Friedhof betrat auf welchem ihre Großeltern begraben waren, wo kein Grabstein mehr da war und sie auch nicht mehr wusste, wo genau das Grab einst lag, nicht einmal mehr das Elternhaus erkannte, wusste ich es genau - sie war da nicht zu Hause. Ihre Heimat ist und bleibt Waldkraiburg.
Durch ihre Anwesenheit in dem Ort ihrer Geburt, dem Ort von dem ihre Mutter ihr unzählige Geschichten erzählte, die sie auch heute noch bestens in Erinnerung hat, weil sie sie so oft gehört hatte, fühlte sie sich lediglich ihrer Mutter näher. An ihre tatsächlich dort verlebte Kindheit erinnert sie sich selber kaum noch.
Das war der Auslöser, dass ich mich an meine Kindheit zu erinnern begann, an den Ort in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin, meine Kindheit und meine Jugend bis zu meiner Heirat verbracht habe. Mir vielen gleichzeitig so viele Sachen ein, dass ich Mühe hatte sie irgendwie zu ordnen. Ein Gedanke jagte den anderen noch bevor ich ihn zu Ende gedacht hatte. Ich erinnerte mich noch genau an die Ereignisse von damals, an mein Elternhaus das anders war als alle anderen im Ort, den Garten der voller Obstbäume und Weintrauben war, den Hof mit den vielen duftenden Blumen, vor allem die Rosen, die staubigen Straßen die unser Kinderzimmer darstellten und die vielen Akazienbäume die die Straßen säumten und im Frühling, wenn sie in voller Blüte standen, einen unbeschreiblich süßen und angenehmen Duft verbreiten. Alles war auf einmal so real, dass ich überhaupt Mühe hatte den anderen zu folgen.
Zu dem Zeitpunkt wurde wahrscheinlich die Idee geboren auch selber mal wieder in meine alte Heimat zu reisen. Bekannte die noch ziemlich regelmäßig zu Besuch fahren, haben von riesigen Veränderungen gesprochen, von zerfallenen oder bunt angestrichenen Häusern und davon, dass auch Zigeuner sich in ehemals deutschen Häusern eingenistet haben und nach Strich und Faden verrotten lassen. Das wollte und konnte ich nicht glauben.
Auch wollte ich selber erleben wie es ist dahin zurückzukehren. Ob ich wohl heim kehre oder ob ich doch in einen fremden Ort in einem fremden Land komme? Welches Gefühl würde sich in mir einschleichen, wenn ich vor meinem Elternhaus stehe, wenn ich die Straßen entlang schlendere, wenn ich die alten Plätze aufsuche? Wie sehr hat sich der Ort nach fast 30 Jahren in denen ich nicht mehr da war verändert? Hat er sich wirklich so sehr verändert, dass ich nichts mehr aus meiner Kindheit erkenne?
Fragen über Fragen, die mir chaotisch durch den Kopf wirbelten. Und von diesen Fragen sollte ich nicht mehr loskommen. Wie ich mich letztendlich entschloss, welches der eigentliche Auslöser war, weiß ich nicht mehr so genau, aber kaum 6 Monate später saß ich mit meinem Partner und meiner Mutter im Auto nach Sanktanna.
Was ich alles erlebt habe und auf welche Fragen ich welche Antworten bekommen habe in einer anderen Geschichte.
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