Mittwoch, 27. Juli 2011

Der unscheinbare Junge von nebenan

Sein Elternhaus stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite an der Ecke, genau wie das Haus in dem ich aufgewachsen bin. Nur die Straße trennte diese beiden Häuser und nur wenige Jahre uns voneinander. Dennoch waren wir uns total fremd. Der kleine Junge von nebenan kam kaum auf die Straße, die unser täglich Spielplatz nach den Hausaufgaben und den lieben langen Tag in den Ferien war. Selten nur hat man ihn überhaupt gesehen und noch seltener mit ihm gesprochen. Es hieß immer nur er sei kränklich und schwach und benötigt viel Ruhe.

Was genau ihm fehlte wusste wohl keiner so genau, denn darüber sprach man nicht. Bei uns im Dorf wurde alles, wovon man auch nur annahm, es könnte unangenehm sein, totgeschwiegen.

Normalerweise war die Straße unser Spielplatz. Da fingen wir Schmetterlinge im Sommer, ließen Drachen steigen im Herbst. Kurzum man tobte sich aus, um am Abend dann totmüde nur noch ins Bett zu fallen.
Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, dass Stefan je mit uns auf der Straße gespielt hat. Es war so, als würde es ihn überhaupt nicht geben. Wenn ich ihn nicht manchmal morgens in die Schule hätte gehen sehen, hätte ich es wahrscheinlich auch geglaubt. Wahrscheinlich hatte er dadurch viel Zeit sich auf ganz andere Sachen zu konzentrieren.

An mich oder an die anderen Kinder aus der Nachbarschaft wird er sich genauso wenig erinnern. An die Namen vielleicht noch, aber sonst auch nichts. Sollte er je auf diesen Blog kommen und seine Geschichte hier finden, ich bin die Nachbarin aus dem stockhohen Haus gegenüber. So viele Häuser mit Stockwerk gab's damals noch nicht, so vermute ich wird er sich am ehesten erinnern.

Als die immer größer ziehende Welle der Auswanderungen aus dem Banat zunahm, war auch er dabei. Zu dem Zeitpunkt war ich als Aushilfs-Pädagogin in Glogowatz tätig und kam nur selten heim. So erfuhr ich eigentlich erst nach seiner Abreise, dass wir wieder mal einen deutschen Nachbarn weniger hätten. Es gab keine Abschiedsfeier, man ging nur kurz vor der Abreise zu den Nachbarn und sagte: "Lebe wohl," oder "Vielleicht sieht man sich wieder auf der anderen Seite der Grenze" ... oder so in der Art. Ich war nicht daheim, als er und seine Familie sich von den Nachbarn verabschiedete.
Eine Geschichte aber gibt es, die mir jedes Mal, wenn ich heute daran zurück denke, ein Lächeln auf die Lippen bringt. Es geht da um ein geliehenes Märchenbuch, das seinen Weg nicht mehr zurück fand wohin es eigentlich gehörte.

In welchem Alter es genau war, weiß ich nicht mehr, aber es war noch vor meiner Schulzeit, da bekam ich von meinen Eltern zu Weihnachten ein wunderschönes Märchenbuch mit aufklappbaren Bildern, aus welchen ganze Szenen aus einem Grimm-Märchen hervortraten.

Doch dazu beim nächsten Mal.

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